Wie Politiker (aus-) ticken

Wien – 8.11.2017

Wenige Stunden sind vergangen, und es ist wahr, was gestern noch unwahr war, und was gestern wahr war, war gestern. Heute ist bereits alles anders. Wie erklärt es sich, dass Politiker scheinbar schwanken wie Schilf im Wind, und das inzwischen oft gespielte „bin weg – bin wieder da – bin schon wieder weg“-Spiel spielen? Woran fehlt es, an Entschlusskraft, an Standhaftigkeit oder an Ehrfurcht vor der übernommenen Verantwortung? Es folgt ein kurzer Exkurs zur Erklärung scheinbar schwer erklärbarer Phänomene.

Zuallererst müssen wir uns vor Augen halten, dass Politiker per se weder Verderber der Moral, Intriganten aus Leidenschaft, noch Totengräber der Republik sind. Vielmehr sind sie Abbild der herrschenden gesellschaftspolitischen Strömungen, Ergebnis langer parteiinterner Selektionsprozesse, und nicht zuletzt sind sie Menschen, mit all ihren Fehlern und Schwächen. Ihre moralische Unvollkommenheit wird gerne mit charakterlicher Verderbtheit verwechselt, und ihre schlichte Unfähigkeit, in gewissen Situationen angemessen zu reagieren, als böswillige Absicht interpretiert. Dabei sind es wir, das einfache Volk, die Schuld an den kardinalen Problemen der Politik und ihrer Glaubwürdigkeit sind.

Wir wählen Politiker, um sie mit großer Leidenschaft auf Podeste zu stellen, nur um sie dann mit noch größerer Schadenfreude von dort herabstürzen zu sehen. Wir verleihen ihnen (aus reiner Bequemlichkeit?) eine übergroße Fülle an Macht, um sie dann später wegen Missbrauches derselben lautstark anklagen zu können. Wir vertrauen ihnen unsere Zukunft an, obwohl sie ständig nur im Hickhack der Gegenwart verstrickt sind. Mit diesem Ansatz ist die Enttäuschung über die Politiker – und die Politik im Allgemeinen – vorprogrammiert. Unweigerlich stürzen unsere Helden fast täglich brennend vom Himmel, Air Ikarus, next take off, please!

Peter Pilz ist zweifellos ein Machtmensch, sonst hätte er im Zirkus der Politik nicht so lange die Funktion eines bis an die Grenze der Verachtung harten Kritikers ausfüllen können, eines politischen „Clowns“, wie er im Film „ES“ zu sehen ist: zuerst läufst du dem Luftballon nach, um bald danach die scharfen Zähne im Nacken zu spüren. Bist du ein Bösewicht, so geschieht es dir nur recht. Bist du aber zur falschen Zeit am falschen Ort, wirst du zum Opfer. So wie offenbar einige Damen, zu denen Peter Pilz im Laufe seiner langen Karriere bei verschiedenen Gelegenheiten „Kontakt“ gehabt haben soll, es gilt dabei natürlich wie immer die Unschuldsvermutung.

Obwohl grapschende Hände oder anzügliche Kommentare durchaus unangenehm gewesen sein mögen, muss man zur Ehrenrettung von Peter Pilz sagen, dass er seine männlichen Kollegen auch nicht wirklich zimperlicher angefasst hat, wodurch diese Begegnungen auch für die männlichen Exemplare der Spezies Mensch das Gefühl hinterlassen konnten, misshandelt worden zu sein. Er ist ein fast brutal hemdsärmliger Typ, der seine emotionalen Anliegen unverblümt vermittelt, und dadurch bei seinen düpierten Kontahenten auf wenig Gegenliebe stößt. Er ist ein Dinosaurier, der den Kometeneinschlag der political correctness ohne Verhaltensmutation überstanden hat, und sein Gehabe mutet heute fremdartig roh und ruppig an.

Dennoch werden wir Peter Pilz vermissen: Wer aufdecken will, kann sich nicht immer an Höflichkeit und Wohlverhalten ausrichten, sondern muss mitunter harte, offensive Worte auf der Zunge tragen, womit Beschuldigungen zielgerichteter platziert werden können, muss seine Hände auch untergriffig einsetzen können, um alles im wahrsten Sinne des Wortes zu begreifen. Dieser Balanceakt ist Peter Pilz bis jetzt gelungen, doch nun ist er abgestürzt, und schlägt auf dem harten Boden der ge.gender.mainstreamten politischen Ebene  auf – moralisch metoobetoniert, auf dass kein weiterer Pilz mehr dort sprieße.

Lasset uns jedoch sein Andenken ehren und seine scharfe Zunge preisen! Und überleget wohl, wer seinen Platz auf dem leeren Podest zukünftig einnehmen soll. Politisch gesehen hilt uns wohl nur aus dem Dilemma, wenn wir uns verstärkt dem direktdemokratischen Prinzip zuwenden, und die Heldenverehrung der Podestgestalten lansam aber sicher einstellen. Nur ein größeres Maß an Eigenverantwortung schützt uns verlässlich vor politischem Fremdverschulden!

Autor: Karl Cvek
Foto: Jakub Hałun – Eigenes Werk, GFDL,
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